Es beginnt mit einer unspektakulären Gewohnheit. Essen und Lesen gehören zusammen. Nicht beiläufig, sondern ritualisiert. Sonntags die Tageszeitung zum Frühstück, werktags Nachrichten am Abend. Keine Serien, keine Filme, keine Zerstreuung. Information statt Unterhaltung. Politik statt Kulturseiten. Ein Versuch, die Welt im Blick zu behalten, nicht sich von ihr ablenken zu lassen.
In einer dieser Routinen, irgendwo zwischen Kaffeetasse und Zeitung, fällt der Blick auf einen Kommentar. Thema: Epstein. Tonfall: resigniert, routiniert empört, moralisch erschöpft. Nicht falsch, nicht auffällig, eher vertraut. Zu vertraut. Die Argumentationsschleifen, die Formulierungen, die Haltung – alles wirkt bekannt. So bekannt, dass sich eine Frage einschleicht, zunächst spielerisch, dann insistierend: Wer hat diesen Text eigentlich geschrieben?
Gemeint ist nicht der Name unter dem Kommentar. Gemeint ist der tatsächliche Ursprung des Denkens. War es ein individueller gedanklicher Prozess? Oder war an der Entstehung bereits eine künstliche Intelligenz beteiligt? Vielleicht sogar dieselbe, mit der ich hier regelmäßig arbeite. Bestätigen lässt sich das nicht. Es gibt keine Kennzeichnungspflicht, keinen verlässlichen Nachweis. Und genau diese Ungewissheit ist neu. Sie gehört inzwischen zur alltäglichen Medienwahrnehmung.
Die Frage lässt sich nicht sauber beantworten, wohl aber einordnen. Dass KI seit einiger Zeit im journalistischen Umfeld eingesetzt wird, ist kein Geheimnis. Entwürfe, Glättungen, Strukturierungen, manchmal komplette Rohtexte. Besonders Meinungsstücke eignen sich dafür: standardisierte Formen, vertraute Argumente, erwartbare Haltungen. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass viele Texte heute nicht mehr aus einer Hand stammen, sondern aus einer Kooperation – sichtbar verantwortet von einem Menschen, unsichtbar mitverfasst von einer Maschine.
Damit verschiebt sich der Begriff von Autorenschaft. Nicht abrupt, nicht skandalös, sondern leise. Der Name unter dem Text garantiert immer weniger einen individuellen Denkprozess. Er garantiert vor allem Zuständigkeit. Verantwortung nach außen. Was im Inneren des Textes geschieht, bleibt oft unscharf.
Diese Verschiebung ist kein Sonderfall der Gegenwart. Sie reiht sich ein in eine lange Geschichte technischer Umbrüche. Die Klagen ähneln sich. Als die Schallplatte von der CD verdrängt wurde, hieß es, die Musik werde kalt. Als Röhrenverstärker durch Transistoren ersetzt wurden, ging angeblich Wärme verloren. Manuelles Schalten galt als Ausdruck von Können, Automatik als Verfall. Alte Modellbahngleise wurden verteidigt wie kulturelles Erbe. In all diesen Fällen ging es selten um technische Überlegenheit. Es ging um Erfahrung, um Beteiligung, um das Gefühl, Teil eines Prozesses zu sein.
Alte Techniken verlieren dadurch nicht ihren Wert. Sie wechseln nur den Status. Vom Zwang zur Wahl. Vom Alltag zur Liebhaberei. Vom Produktionsmittel zum Kulturgut. Museale Bewahrung, Hobbys, Nischenmärkte sichern Wissen, auch wenn es nicht mehr konkurrenzfähig ist. Das ist keine Nostalgie, sondern eine Form kultureller Redundanz. Man hofft, sie nie zu brauchen. Aber ihr Verlust wäre irreversibel.
In diesem Kontext ist auch KI kein Gegenpol zur Kultur, sondern ein Werkzeug. Und zwar eines, das sich treffend mit einem einfachen Bild beschreiben lässt. Ich werfe einen Stein ins Wasser. Der Stein ist meine Frage, meine Setzung, mein Impuls. Die Wellen entstehen nicht durch meinen Willen, sondern durch die Eigenschaften des Wassers. Ohne Wasser keine Wellen. Ohne Stein bleibt das Wasser glatt. Die KI ist in diesem Bild das Wasser: tief, reaktionsfähig, voller gespeicherter Bewegungsenergie. Ich stoße eine Kausalkette an. Das Ergebnis beobachte ich.
Das ist keine Delegation von Denken, sondern eine andere Form davon. Die Tiefe entsteht nicht, weil die KI „mehr weiß“, sondern weil sie Wissen ohne Ermüdung, ohne biografische Engführung, ohne Hierarchie verknüpfen kann. Meine Rolle verschwindet dabei nicht. Eine schlechte Frage erzeugt flaches Kräuseln. Eine präzise, offene, irritierende Frage kann weitreichende Wellen schlagen. Autorenschaft wird nicht abgeschafft, sondern verteilt.
Gerade deshalb sind die kleinen Fehler interessant. Tippfehler, schiefe Übergänge, falsche Betonungen in automatisch vertonten Texten, falsch gelesene Zahlen. Sie sind keine Beweise für Unfähigkeit, sondern Spuren der Herstellung. Auch digitales Arbeiten kennt Handwerk. Und wie jedes Handwerk erzeugt es Unregelmäßigkeiten. Der Unterschied liegt nicht zwischen Mensch und Maschine, sondern zwischen Durchsatz und Aufmerksamkeit. Zwischen Fließband und Werkbank.
Was sich allerdings nicht leugnen lässt, ist ein allgemeiner Schwund an Maßstäben. Lektorat, Gegenlesen, Korrekturschleifen verschwinden. Nicht nur in Medien, auch in Verwaltung, Justiz, Politik. Fehlerhafte Überschriften, inkonsistente Texte, offenkundige Nachlässigkeiten werden toleriert, weil Zeit, Personal und Geld fehlen. Qualitätssicherung erzeugt keinen unmittelbaren Output. Also wird sie gestrichen.
Das wirkt zurück. Was folgenlos bleibt, wird normal. Maßstäbe halten sich nicht von selbst. Sie brauchen Pflege. Ohne diese Pflege setzt eine Schwerkraft ein. Das Niveau sinkt nicht schlagartig, sondern schleichend. Man gewöhnt sich an Zustände, die früher irritiert hätten. Irgendwann fehlen die Referenzpunkte.
Man kann das Dekadenz nennen, wenn man den Begriff nüchtern versteht. Nicht als moralisches Urteil, sondern als Zustand, in dem ein System mehr Energie in Durchsatz als in Substanz investiert. Systeme kollabieren selten, weil sie nichts mehr können. Sie kollabieren, weil sie zu viel tolerieren.
Die Frage nach KI-Autorenschaft ist deshalb kein technisches Randthema. Sie ist ein Symptom. Sie berührt das Verhältnis von Werkzeug und Verantwortung, von Tempo und Maßstab, von Produktion und Bedeutung. Und sie stellt sich nicht im Seminarraum, sondern beim Frühstück. Zwischen Kaffeetasse und Zeitung.
Nachtrag: Vom Werkzeug, von Offenlegung – und von Ermöglichung
Was ist eigentlich so problematisch daran, wenn ein Handwerker – auch ein digitaler – zeitgemäße, technisch innovative Werkzeuge nutzt? Und warum entsteht daraus plötzlich ein Rechtfertigungs- und Offenlegungsdruck, der weit über das hinausgeht, was in früheren Technikumbrüchen üblich war?
Historisch betrachtet ist der Einsatz neuer Werkzeuge im Schreiben alles andere als ungewöhnlich. Autoren, Journalisten, Juristen und Verwaltungsmitarbeiter haben seit Jahrzehnten mit technischen Hilfsmitteln gearbeitet: erst mit Schreibmaschinen, dann mit PCs, Textverarbeitungen, Datenbanken. Amtliche Schreiben trugen lange den nüchternen Hinweis, dass sie maschinell erstellt und daher nicht unterschrieben seien. Damit war eine Form technischer Beteiligung offen benannt – aber bewusst begrenzt. Es wurde kenntlich gemacht, dass Technik im Spiel war, nicht wie.
Niemand verlangte Angaben zum Papierhersteller, zur Druckermarke, zur Hardwarearchitektur oder zum Betriebssystem. Niemand forderte Transparenz über interne Automatismen der eingesetzten Software. Und niemand hielt es für notwendig, offenzulegen, nach welchen impliziten Logiken Datenbanksysteme arbeiteten, obwohl gerade dort seit jeher Strukturen wirksam sind, die Ergebnisse formen, filtern und gewichten.
Dass ausgerechnet bei KI nun eine umfassende Offenlegung gefordert wird, ist deshalb kein technisches, sondern ein symbolisches Phänomen. KI greift nicht nur in Abläufe ein, sondern in einen Bereich, der lange als Kern individueller Leistung galt: Formulierung, Stil, argumentative Verdichtung. Nicht die Tätigkeit verschwindet, aber ihr exklusiver Status gerät ins Wanken. Die Forderung nach Transparenz dient hier weniger der Aufklärung als der Grenzziehung.
Dabei wird übersehen, dass Autorenschaft nie werkzeugfrei war. Sie war immer vermittelt: durch Sprache, Schrift, Technik, Konventionen. KI ist kein Bruch dieser Geschichte, sondern ihre Fortsetzung mit anderen Mitteln. Ein leistungsfähigeres Werkzeug – nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Hinzu kommt ein Punkt, der in der Debatte oft unterschlagen wird: Ermöglichung durch Effizienz. Die Nutzung dieser Werkzeuge ist für mich keine Spielerei und kein Komfortgewinn, sondern eine Voraussetzung. Viele der Texte, wie sie hier entstehen – essayistisch, reflektierend, mit Querverweisen und gedanklichen Schleifen –, wären ohne diese Unterstützung nur mit unverhältnismäßigem Aufwand zu realisieren. Nicht unmöglich, aber nicht mehr vertretbar.
Zeit, Konzentration, körperliche und mentale Energie sind begrenzte Ressourcen. Der Einsatz von KI verschiebt keine moralische Grenze, sondern eine praktische. Es ist eine ökonomische Entscheidung im ursprünglichen Sinn des Wortes: ein haushälterischer Umgang mit den eigenen Kräften. So wie der Wechsel von der Schreibmaschine zur Textverarbeitung den formalen Aufwand reduziert hat, ohne den geistigen Anteil zu eliminieren.
Die Maschine übernimmt dabei nicht Haltung, Perspektive oder Impuls. Sie übernimmt Strukturarbeit, Formulierungshilfe, Verdichtung. Das ist Assistenz, keine Substitution. Ohne diese Assistenz gäbe es viele dieser Texte schlicht nicht – oder sie blieben Fragment, Notiz, Gedankenskizze.
Wenn man diesen Zusammenhang ernst nimmt, verschiebt sich die moralische Bewertung. Dann ist KI nicht das Mittel zur Abkürzung, sondern zur Teilhabe. Nicht zur Täuschung, sondern zur Ermöglichung. Und nicht zur Ersetzung von Autorenschaft, sondern zu ihrer praktischen Realisierung unter realen Bedingungen.
Verantwortung bleibt dabei klar verortet: beim Namen unter dem Text. Das war vor der KI so, und es gibt keinen überzeugenden Grund, diesen Maßstab jetzt aufzugeben.
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