Zwischen Frühstücksei und Datenarchiv – Über Autorschaft, digitale Überwachung und die Gewöhnung an das Unsichtbare

Es begann nicht mit einem Überwachungsgesetz, nicht mit einem Geheimdienstbericht und auch nicht mit einer dystopischen Schlagzeile. Es begann mit einem Frühstück. Eine Zeitung, ein Artikel über die Rede eines Kanzlers auf einer internationalen Sicherheitskonferenz, die beiläufige Frage: Wer schreibt eigentlich solche Reden?

Die Antwort ist banal. Professionelle Redenschreiber, Mitarbeiter des Kanzleramts, politische Berater. Worte entstehen arbeitsteilig. Niemand erwartet ernsthaft, dass politische Spitzenakteure ihre öffentlichen Auftritte vollständig allein verfassen. Der Gedanke bleibt jedoch nicht bei dieser Feststellung stehen. Er schlägt eine Kurve ins Persönliche: Wer schreibt eigentlich meine Essays? Wer formuliert meine Gedanken aus? Und wer wird dafür bezahlt?

Hier tritt die künstliche Intelligenz ins Bild. Nicht als abstrakte Technologie, sondern als konkretes Werkzeug. Die Ressourcen sind begrenzt. Ein menschlicher Ghostwriter steht nicht zur Verfügung. Also wird eine Maschine genutzt. Das ist keine technische Spielerei, sondern eine ökonomische Entscheidung. Und sofort entsteht die implizite Rechtfertigungsfrage: Was ist daran zu kritisieren?

Die Parallele drängt sich auf. Wie der Tischlermeister auf Maßarbeit pocht, während der finanziell eingeschränkte Käufer auf gebrauchte Massenware angewiesen ist, so unterscheiden sich auch Produktionsbedingungen geistiger Arbeit. Nicht jeder verfügt über denselben Zugang zu menschlichen Assistenzleistungen. Künstliche Intelligenz wird so zum Instrument des Ausgleichs. Sie ersetzt nicht das Denken, sondern die bezahlte redaktionelle Unterstützung.

Aus dieser scheinbar individuellen Rechtfertigung wächst ein systemischer Gedanke. Wenn politische Kommunikation arbeitsteilig organisiert ist, wenn wirtschaftliche Produktion industrialisiert wurde, wenn Verwaltung rationalisiert wurde – ist die Nutzung von KI nicht lediglich eine weitere Stufe dieser Entwicklung? Eine Industrialisierung kognitiver Routinen?

Der Schritt von hier zur Frage nach Macht ist nicht weit.


Von der Industrialisierung der Hand zur Industrialisierung der Auswertung

Die Industrialisierung ersetzte Muskelkraft durch Maschinen. Später ersetzte die Digitalisierung Rechenarbeit durch Computer. Mit maschinellem Lernen und großen Sprachmodellen wird nun ein Teil sprachlicher und analytischer Routinen automatisiert. Es ist wichtig, präzise zu bleiben: Nicht das Denken insgesamt wird ersetzt, sondern standardisierbare Prozesse – Strukturierung, Zusammenfassung, Mustererkennung.

In diesem Punkt liegt jedoch eine Ambivalenz. Dieselbe Technologie, die einem einzelnen Autor hilft, seine Gedanken auszuarbeiten, kann in einem anderen Kontext zur massenhaften Analyse von Daten eingesetzt werden. Die Industrialisierung der Produktion war nie nur ökonomischer Fortschritt. Sie war auch Voraussetzung für Massenheere, für Kriegslogistik, für globale Ausbeutungsstrukturen. Technik entfaltet ihre Wirkung im Kontext von Macht.

Hier schließt sich ein weiterer Gedanke an, der zunächst scheinbar abwegig wirkt: Was ist gefährlicher – die Technik der Kernspaltung oder die Technik der künstlichen Intelligenz?

Die Kernspaltung hinterlässt radioaktive Altlasten, deren Gefährlichkeit sich über Jahrtausende erstreckt. Die Verantwortung wird auf Generationen verschoben, die an den Entscheidungen der Gegenwart nicht beteiligt waren. Die Frage nach Endlagern ist nicht nur technisch, sondern moralisch. Wer haftet in zehntausend Jahren?

Künstliche Intelligenz hinterlässt keine strahlenden Abfälle. Doch sie kann institutionelle Strukturen verändern. Sie kann Daten dauerhaft speicherbar und auswertbar machen. Und sie kann – gekoppelt mit staatlicher Macht – neue Formen der Kontrolle ermöglichen. Die Langzeitwirkung ist nicht physisch, sondern politisch.


Der konkrete Anlass: Ein Videobeitrag als Katalysator

Diese Überlegungen gewannen zusätzliche Schärfe durch einen Videobeitrag des Technik-Analysten The Morpheus mit dem Titel „Die importierte totale Überwachung“ (https://www.youtube.com/watch?v=nb9GUwM77UM). Der Beitrag analysiert unter anderem die rechtlichen Grundlagen US-amerikanischer Überwachung, insbesondere FISA Section 702, sowie die Rolle großer Technologieunternehmen und den Einsatz von KI-gestützten Systemen zur Auswertung von Massendaten.

Der Ton des Videos ist zugespitzt. Begriffe wie „totale Überwachung“ oder Anspielungen auf „1984“ werden nicht zufällig gewählt. Doch hinter der Dramaturgie stehen reale Sachverhalte. US-Gesetze erlauben unter bestimmten Bedingungen den Zugriff auf Daten von Nicht-US-Bürgern. Transatlantische Datenschutzabkommen sind wiederholt juristisch umstritten gewesen. Zahlungsdienstleister, Cloud-Anbieter und Plattformunternehmen operieren global, während ihre rechtliche Bindung national verankert bleibt.

The Morpheus verweist zudem auf die Möglichkeit, Daten nicht nur zu sammeln, sondern mittels KI zu korrelieren. Hier liegt der qualitative Sprung. Daten allein sind Archiv. Daten plus Algorithmus sind Profil.

Man muss die apokalyptische Rhetorik nicht übernehmen, um die strukturelle Verschiebung ernst zu nehmen. Es geht nicht um einen zentralen Weltrechner, der jeden Menschen in Echtzeit überwacht. Es geht um die funktionale Integration vieler Systeme, die technisch kombinierbar sind. Das Entscheidende ist nicht die Existenz eines einzelnen Supercomputers, sondern die Kopplung von Datensilos, rechtlichen Zugriffsmöglichkeiten und automatisierter Auswertung.


Existiert ein globales Überwachungssystem?

Die Frage, ob ein „globales, allmächtiges Superüberwachungssystem“ existiert, hängt von der Definition ab. Ein monolithisches Zentrum, das alles kontrolliert, existiert nicht. Aber eine global wirksame Überwachungsarchitektur ist durchaus vorhanden.

Sie besteht aus:

staatlichen Sicherheitsgesetzen,
transnationalen Geheimdienstkooperationen,
globalen Cloud-Infrastrukturen,
Zahlungs- und Kommunikationsplattformen,
kommerziellen Datenmärkten
und zunehmend KI-gestützter Analyse.

Diese Struktur ist fragmentiert, aber interoperabel. Sie ist nicht allmächtig im theologischen Sinne. Doch sie ist historisch beispiellos in ihrer Reichweite. Und sie kann unter bestimmten politischen Bedingungen anders genutzt werden als ursprünglich vorgesehen.

Hier liegt die zentrale Problemspannung: Technik ist neutral im engeren Sinne nicht. Sie ist zweckoffen. Ihre Anwendung hängt von politischen Mehrheiten, institutionellen Kontrollen und gesellschaftlicher Sensibilität ab.


Gewöhnung als stille Machtverschiebung

Vielleicht ist die entscheidende Dimension nicht die technische, sondern die zeitliche. Maßnahmen, die zunächst als außergewöhnlich gelten, werden mit der Zeit normal. Nach 2001 wurden Sicherheitsgesetze verschärft. Viele davon sind bis heute Bestandteil des Rechtsrahmens. Die Einführung neuer Überwachungstechniken wird regelmäßig mit konkreten Gefahren begründet. Die Rücknahme solcher Maßnahmen ist selten.

Gewöhnung ist kein dramatischer Akt. Sie ist eine schleichende Verschiebung dessen, was als akzeptabel gilt. Wenn umfassende Datenspeicherung alltäglich wird, verliert sie ihren Ausnahmecharakter. Die Frage ist nicht nur, ob Überwachung existiert, sondern ob wir uns an ihre Existenz gewöhnt haben.

Diese Gewöhnung betrifft auch die Nutzung von KI im Kleinen. Wer selbstverständlich KI zur Textproduktion einsetzt, gewöhnt sich an die Automatisierung geistiger Routinen. Das ist nicht per se problematisch. Doch es zeigt, wie schnell sich technologische Praktiken normalisieren.


Öffentlichkeit und Ohnmacht

Selbst wenn man strukturelle Risiken erkennt, bleibt die Frage nach der Wirksamkeit öffentlicher Kritik. Ein YouTube-Video, ein Essay, ein Blogbeitrag – all das wirkt angesichts der medialen Überfülle gering. Große Bewegungen haben es schwer, nachhaltige Veränderungen herbeizuführen. Politische Systeme reagieren träge. Wirtschaftliche Interessen sind stark.

Doch Diskurse verändern sich nicht durch einzelne Explosionen, sondern durch langfristige Sedimentation. Datenschutz war einst ein Randthema. Heute ist er Gegenstand umfangreicher Regulierung. Das geschah nicht durch eine einzige Kampagne, sondern durch kontinuierliche Auseinandersetzung.

Wirkung ist daher nicht mit sofortiger Mobilisierung zu verwechseln. Sie liegt oft in der Veränderung des begrifflichen Rahmens, in dem Probleme wahrgenommen werden.


Offene Perspektive

Zwischen apokalyptischer Warnung und technokratischer Beschwichtigung liegt ein schmaler Grat. Es ist möglich, strukturelle Machtkonzentrationen ernst zu nehmen, ohne in deterministischen Fatalismus zu verfallen. Ebenso ist es möglich, technische Differenzierung vorzunehmen, ohne politische Implikationen zu verharmlosen.

Die digitale Überwachungsarchitektur unserer Zeit ist real. Sie ist komplex. Sie ist umkämpft. Und sie ist gestaltbar, solange demokratische Institutionen handlungsfähig bleiben.

Die Frage, ob wir uns an ihre Existenz gewöhnt haben, bleibt offen. Vielleicht besteht die Aufgabe nicht darin, Alarm zu schlagen oder zu beruhigen, sondern darin, die Entwicklung aufmerksam zu begleiten – auch mit den Mitteln, die einem zur Verfügung stehen. Manchmal sind das nur Stichwörter, die von einer Maschine ausgearbeitet werden. Doch auch aus Stichwörtern können Gedankengänge entstehen, die über den privaten Frühstückstisch hinausweisen.


Begriffserklärungen für Leserinnen und Leser

FISA Section 702: Teil eines US-Überwachungsgesetzes, das Behörden erlaubt, elektronische Kommunikation von Nicht-US-Personen im Ausland über US-Unternehmen auszuwerten.

Cloud-Infrastruktur: Externe Rechenzentren großer Anbieter, in denen Daten gespeichert und verarbeitet werden, ohne dass Nutzer eigene Server betreiben.

Künstliche Intelligenz (KI): Programme, die mithilfe statistischer Verfahren Muster erkennen, Texte generieren oder Vorhersagen treffen können.

Algorithmische Profilbildung: Automatisierte Auswertung vieler Einzeldaten, um daraus ein Gesamtbild oder eine Risikoeinschätzung über eine Person oder ein Verhalten zu erstellen.

Interoperabilität: Fähigkeit verschiedener technischer Systeme, miteinander Daten auszutauschen und zusammenzuarbeiten.


Nachtrag

Eine beiläufige Suche nach der Formulierung „Frühstücksei und Datenarchiv“ führte zu einem überraschenden Ergebnis. Statt auf konkrete Fundstellen oder den eigenen Text zu verweisen, präsentierte die KI-gestützte Suchübersicht eine scheinbar stimmige Deutung dieser Wortkombination – mit Metaphern zur Rückverfolgbarkeit von Eiern, zu Stempelcodes, Metadaten und sogar zu einem „EGG“-Datenarchivprojekt.

Das Problem lag nicht in einzelnen sachlichen Fehlern. Vieles klang plausibel. Entscheidend war vielmehr die Verschiebung des Bezugsrahmens: Aus einer spezifischen, im Text entwickelten Metapher wurde eine allgemeine, frei konstruierte Bedeutungsarchitektur. Die Suchmaschine verwies nicht auf Quellen, sondern erzeugte eine eigenständige Interpretation.

Das ist technisch erklärbar. Generative Systeme zerlegen Anfragen in semantische Bestandteile und kombinieren wahrscheinliche Bedeutungsfelder. Doch genau darin liegt eine strukturelle Veränderung: Die Suche wird von der Verweisfunktion zur Synthesefunktion. Zwischen Nutzer und Quelle tritt eine algorithmische Deutungsschicht.

Damit verschiebt sich die Wahrnehmung dessen, was als „gefunden“ gilt. Nicht mehr nur Dokumente werden präsentiert, sondern vorstrukturierte Bedeutungen. Diese Entwicklung ist unspektakulär – und gerade deshalb bemerkenswert. Denn sie zeigt, wie sehr sich Informationszugang bereits verändert hat, oft ohne dass wir es bewusst registrieren.

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