Warum Gesellschaften erst unter Druck lernen – und warum das trotzdem Fortschritt ist
Man soll aus der Geschichte lernen. Der Satz klingt abgegriffen, fast wie eine Beruhigungsformel. Und doch stellt sich immer wieder die gleiche, unangenehme Frage: Warum lernen Gesellschaften so häufig erst dann, wenn es bereits wehgetan hat? Warum nicht vorher, warum nicht rechtzeitig, warum nicht aus Einsicht?
Der Blick auf die Sozialdemokratie war dabei nur der Ausgangspunkt. Die Erfolge der SPD in der Ära Brandt, Bahr, Wehner und Schmidt beruhten nicht auf moralischer Überlegenheit oder besonderer Weisheit, sondern auf einer seltenen Konstellation: klaren Konfliktlinien, institutioneller Macht, gesellschaftlichem Druck und handelnden Personen, die Entscheidungen trafen, statt sie zu vertagen. Diese Bedingungen existieren heute kaum noch – weder national noch europäisch. Stattdessen sehen wir große Apparate, ritualisierte Verfahren, Kommissionen, Taskforces, Berichte, Pressekonferenzen und Hochglanzbroschüren, die Aktivität simulieren, ohne Entscheidung zu erzwingen.
Was sich hier zeigt, ist kein Parteiproblem, sondern ein Strukturproblem reifer Systeme. Parteien, Wissenschaft, Medien, Wirtschaft – sie alle folgen derselben Logik: Sobald Fixkosten, Reputation und Betriebssicherung dominieren, wird Risiko vermieden. Innovation, Erkenntnis und Reform werden ausgelagert in Wettbewerbe, Preise, Sonderprogramme. Man feiert das Neue, ohne das Alte zu verändern. Der Betrieb läuft weiter, möglichst störungsfrei.
Diese Logik durchzieht auch den Wissenschaftsbetrieb. „Publish or perish“ ist keine Karikatur, sondern Alltag. Wer nicht anschlussfähig forscht, wer Risiken eingeht, wer querdenkt, verliert Fördermittel, Stellen, Sichtbarkeit. Erkenntnis wird möglich, solange sie planbar, zitierfähig und harmlos bleibt. Ähnliches gilt für Medien mit ihren Produktionsapparaten und für Unternehmen, die lieber die vierte Version eines bewährten Produkts auf den Markt bringen als ein echtes Wagnis einzugehen. Je größer das Lebenswerk, desto größer die Vorsicht.
Vor diesem Hintergrund wirkt die Pandemie wie ein Fremdkörper – und zugleich wie ein Lehrstück. Innerhalb kürzester Zeit wurden Entscheidungen getroffen, Risiken geteilt, Verfahren beschleunigt, Forschung offen genutzt. Die Entwicklung der mRNA-Impfstoffe zeigte, dass der scheinbar unauflösbare Widerspruch zwischen Patentschutz, Innovation und Allgemeinwohl praktisch entschärft werden kann, wenn der Staat bereit ist, Risiko zu übernehmen. Es war kein Wunder, sondern eine institutionelle Ausnahme: existenzieller Druck, sichtbare Kosten des Nicht-Handelns, kollektivierte Verantwortung.
Der Gegenbeweis folgte prompt. Die Maskenbeschaffung zeigte, wie mutige, aber schlecht eingebettete Entscheidungen im Nachhinein politisch vernichtet werden können. Übervorsorge ist in der Krise rational, im Rückblick skandalisierbar. Erfolg ist unsichtbar („es gab keinen Mangel“), Kosten sind sichtbar. Das Ergebnis ist lehrreich, aber fatal: Systeme lernen daraus nicht, besser zu entscheiden, sondern weniger zu entscheiden.
An dieser Stelle drängt sich die polemische Zuspitzung auf: Brauchen dekadente Gesellschaften Katastrophen, um zu lernen? Brauchen sie Pandemien, Kriege, Stromausfälle, Terroranschläge – kurz: Armageddon – um handlungsfähig zu werden? Die Analogie zur Sucht ist verführerisch. Auch dort wirken Einsicht und Appell wenig, solange der Preis des Weiter-so niedriger erscheint als der Preis der Veränderung.
Der historische Vergleich mit der Pest macht jedoch deutlich, wie gefährlich diese Denkfigur ist. Die Pest führte nicht zu einem bewussten Neubeginn, sondern zunächst zu Chaos, Gewalt, Aberglauben und sozialem Zerfall. Dass sich langfristig neue Ordnungen herausbildeten, war kein Akt kollektiver Katharsis, sondern eine Folge radikal veränderter Macht- und Ressourcenverhältnisse. Katastrophen schaffen Möglichkeiten – keine Lösungen. Sie sind kein Reforminstrument, sondern ein unkontrollierbarer Zufallsgenerator.
Und doch zeigt der Vergleich Pest versus COVID-19 etwas anderes, Ermutigendes: Die Menschheit hat gelernt. Nicht moralisch, nicht automatisch, aber institutionell und technisch. Wir verstehen Erreger, wir modellieren Risiken, wir entwickeln Impfstoffe in Rekordzeit, wir koordinieren staatliches Handeln über Grenzen hinweg. Die Pandemie war kein zivilisatorischer Zusammenbruch, sondern ein Stresstest, den moderne Gesellschaften – bei allen Fehlern – bestanden haben. Das ist realer Fortschritt.
Der Preis dieses Fortschritts ist allerdings hoch: Er wird meist erst unter Zwang aktiviert. In Normalzeiten dominieren Aufschub, Verantwortungsdiffusion und symbolische Politik. Experten wissen vieles vorher, Journalisten berichten es punktuell, aber Relevanz entsteht erst nach dem Ereignis. Wissen hat vor der Katastrophe keine Macht; nach der Katastrophe gibt es Macht, aber keine Alternativen mehr.
Damit schließt sich der Kreis. Die düstere These, dass Parteien – etwa die SPD – erst unter der Fünf-Prozent-Hürde lernen, folgt derselben Logik wie das gesellschaftliche Lernen durch Krise. Sie ist als Diagnose nachvollziehbar, als Strategie hochriskant. Nicht jedes System überlebt den Lernprozess. Und Machtvakuum ist kein neutraler Zustand – es wird gefüllt.
Die eigentliche Lehre aus all dem ist daher keine Sehnsucht nach Schock, sondern eine unbequeme Einsicht: Moderne Gesellschaften verfügen über enormes Wissen und enorme Fähigkeiten, aber über zu wenige Mechanismen, um ohne Katastrophe Dringlichkeit zu erzeugen. Sie sind nicht unfähig zum Fortschritt – sie sind schlecht darin, ihn rechtzeitig zu wollen.
Dass wir Pandemien heute besser bewältigen als im Mittelalter, spricht eindeutig für Fortschritt. Dass wir für viele andere Risiken immer noch den ersten Einsturz, den ersten Anschlag, den ersten Blackout abwarten, spricht gegen unsere politische und institutionelle Lernfähigkeit im Alltag.
Nicht mehr Armageddon wäre nötig.
Sondern mehr Mut zur Entscheidung, bevor das Kind im Brunnen liegt.