Es beginnt oft harmlos. Mit einer scheinbar technischen Frage nach Kosten. Was kostet eigentlich eine durchschnittliche Gedenkveranstaltung? Ein Streichquartett, ein paar Reden, Licht, Ton, Raummiete. Zahlen lassen sich finden, Spannen benennen, Budgets kalkulieren. Doch sehr schnell zeigt sich, dass es nicht um die Summe einer einzelnen Veranstaltung geht, sondern um ein Grundgefühl: um den Eindruck eines ganzen Betriebs, der routiniert Geld verbrennt, ohne sichtbar Wirkung zu entfalten.
Aus dieser Perspektive weitet sich der Blick. Von Gedenkveranstaltungen zu Ausstellungen, die regelmäßig fünf- oder sechsstellige Beträge verschlingen. Von dort zu Werbekampagnen staatlicher oder staatsnaher Unternehmen, deren Kosten plötzlich im Millionenbereich liegen. Kampagnen für Selbstverständlichkeiten, für Image, für Haltung. Gleichzeitig die tägliche Klage über Unterfinanzierung dort, wo es tatsächlich weh tut: Justiz, Sicherheit, Pflege, Wohnungsbau, soziale Dienste.
Auffällig ist dabei nicht nur die Höhe der Ausgaben, sondern ihre soziale Struktur. In Opernhäusern, auf Gedenkveranstaltungen, bei Ausstellungen sitzt regelmäßig ein ähnliches Publikum. Früher hätte man Bildungsbürgertum gesagt, heute sind es leitende Angestellte, Funktionäre, Manager, Politiker. Menschen mit Zeit, Geld, kulturellem Kapital. Diejenigen, die von Wohnungsnot, unsicheren Jobs, überlasteten Ämtern oder mangelnder Sicherheit im Alltag betroffen sind, kommen dort kaum vor. Nicht als Publikum, nicht als Zielgruppe.
Dabei steht außer Frage, dass historische Bildung notwendig ist. Jede Schülerin und jeder Schüler muss mit den Verbrechen des Nationalsozialismus vertraut gemacht werden, ebenso mit anderen Unrechtsregimen, ob Stalinismus, SED-Diktatur oder aktuelle autoritäre Systeme. Das ist Bildungsauftrag. Punktuell, fundiert, verbindlich. Dazu können auch Gedenkstättenbesuche gehören. Was daraus jedoch nicht folgt, ist die Notwendigkeit einer dauerhaften medialen Wiederholung von Gedenktagen, Jahresterminen und ritualisierten Formaten, die sich immergleichen Bilder und Formulierungen bedienen.
Hier kippt Bildung in Ritual. Und Rituale haben eine andere Funktion: Sie stabilisieren Normen nach innen, sie markieren Haltung, sie sichern institutionelle Selbstvergewisserung. Sie überzeugen niemanden, der nicht ohnehin überzeugt ist. Wer rechtspopulistisch oder rechtsextrem eingestellt ist, wird weder durch ein Streichquartett noch durch eine Gedenkrede umgestimmt. Die Erwartung, Erinnerungskultur könne diese Aufgabe leisten, ist von Anfang an unrealistisch.
Gleichzeitig entfaltet diese Symbolpolitik Nebenwirkungen. Wenn Millionen für Image, Kultur und Prestige verfügbar sind, während Zugbegleiter ohne ausreichenden Schutz arbeiten, während Verfahren sich über Jahre hinziehen, während Pflegekräfte und Sozialdienste am Limit sind, entsteht ein politisches Ungleichgewicht, das sich nicht wegmoderieren lässt. Der tödliche Angriff auf einen Zugbegleiter ist kein Betriebsunfall, sondern ein Symptom. Sicherheit entsteht nicht durch Kampagnen, sondern durch Personal, Präsenz und Durchsetzung.
Vor diesem Hintergrund wirken Debatten aus unternehmensnahen Kreisen, die Sozialausgaben, Teilzeitmodelle oder Leistungen der Krankenversicherung infrage stellen, wie ein Brandbeschleuniger. Der Druck wird nach unten weitergereicht, während oben kaum jemand bereit ist, über den Abbau von Luxus, Prestige und Dauersubventionen zu sprechen. Drei Opernhäuser in einer Stadt gelten dann als unverzichtbar, defizitäre Regionalflughäfen als Standortfaktor, Kultur als quasi heilige Staatsaufgabe. Kritik daran wird schnell moralisiert und politisch etikettiert.
Genau hier entsteht der Resonanzraum für Rechtspopulisten. Nicht wegen mangelnder Erinnerung, sondern wegen erlebter Fehlsteuerung. Sie müssen wenig tun, außer vorhandene Widersprüche aufzugreifen. In diesem Sinne sind sie Trittbrettfahrer einer Politik, die Symbolik über Funktion stellt und soziale Realität aus dem Blick verliert.
Diese Gedanken lassen sich leichter formulieren, wenn man nichts mehr zu verlieren hat. Vielleicht ist das die eigentliche Freiheit eines Diogenes in der Tonne. Keine Karriere, kein Amt, kein Fördertopf, kein Arbeitgeber, der mitliest. Eine gesicherte Existenz, die Unabhängigkeit erlaubt. Nicht grenzenlose Rede, aber eine Rede ohne ökonomische Vorbehalte. Innerhalb des Rechtsrahmens, mit Selbstzensur aus Verantwortung, nicht aus Angst.
Das ist keine Pose und kein Heroismus. Es ist eine Beobachterposition. Eine, die nicht vorgibt, Lösungen zu haben, sondern Prioritäten sichtbar macht. Erinnerung, Kultur, Sport mögen legitim sein. Aber sie sind Luxus. Daseinsvorsorge, Sicherheit und Rechtsdurchsetzung sind es nicht. Solange diese Unterscheidung politisch verwischt wird, bleibt jede Debatte über Werte und Haltung unvollständig.
Von der Tonne aus betrachtet, wirkt das alles erstaunlich klar. Und vielleicht ist genau diese Klarheit das eigentlich Unbequeme.
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