Prolog
Donald Trump, Byronic Hero, Straßenkind, Dr. House, Caspar David Friedrich, Wanderer über dem Nebelmeer: Auf den ersten Blick gehört das nicht zusammen. Auf den zweiten Blick vielleicht doch. Ausgangspunkt dieses Beitrags ist ein Zufallsfund, der Trump nicht nur als Populisten, Machttechniker oder Medienfigur beschreibt, sondern als moderne Variante eines byronischen Helden. Daraus ergibt sich eine weiterführende Frage: Was leisten solche Typbegriffe überhaupt noch, wenn sie auf Politiker, Fernsehfiguren und öffentliche Charaktere gleichermaßen angewandt werden? Und was geschieht, wenn ein literarischer Begriff plötzlich politisch schmutzige Hände bekommt?
Ein Zufallsfund mit unangenehmer Nebenwirkung
Manchmal stößt man auf einen Gedanken, der zunächst nur deshalb interessant wirkt, weil er neu ist. Dann liest man weiter und merkt, dass er nicht nur neu, sondern auch unerquicklich ist. So lag es hier. Der Ausgangspunkt war ein Text, der Donald Trump nicht einfach als groben Populisten oder als kalkulierenden Medienakteur beschreibt, sondern als byronischen Helden, also als eine Figur aus dem Formenschatz der Romantik, nur eben im Zeitalter der Dauererregung, der Kameras und der Masseninszenierung.
Zunächst hat diese Deutung einen gewissen Reiz. Sie erklärt nämlich etwas, das rein politisch oft nur unzureichend erfasst wird. Trump erscheint dann nicht bloß als Interessenvertreter, nicht nur als Parteifigur und auch nicht nur als Störenfried, sondern als eine Bühnenfigur eigener Art. Unberechenbar, demonstrativ regelwidrig, selbstbezogen, dunkel schillernd, ständig im Grenzbereich zwischen Faszination und Zumutung. Das ist als Typbeschreibung nicht ganz unfruchtbar.
Aber der Gedanke hat eine Nebenwirkung. Wer den Begriff Byronic selbst als Pseudonym oder Denkfigur für etwas anderes verwendet, der sieht plötzlich mit leichter Verstimmung, dass derselbe Oberbegriff nun auch auf einen politischen Krachmacher geklebt wird. Dann merkt man sehr schnell, wie unerquicklich solche Typbegriffe werden können, sobald sie den geschützten Raum der Literatur verlassen und in die politische Gegenwart hineinstolpern.
Das Straßenkind statt des romantischen Helden
An dieser Stelle drängte sich ein anderer Begriff auf, der sehr viel weniger Glanz besitzt und gerade deshalb nützlicher sein könnte: das Straßenkind. Nicht das niedliche Kind aus einer Sozialreportage, sondern der schwer erziehbare, misstrauische, widerspenstige Typus, der sich nicht einfügt, der jede Regel gegen ihre Urheber wendet und der auf Erziehungsmaßnahmen ungefähr so reagiert wie ein nasser Kater auf eine Predigt.
Dieser Begriff hat einen entscheidenden Vorzug. Er ästhetisiert nicht. Der byronische Held trägt immer ein wenig literarischen Nebel mit sich. Er kann dunkel, gebrochen, faszinierend, stolz, einsam, stolzleidend oder ironisch erscheinen. Das alles hebt die Figur ungewollt an. Das Straßenkind tut das nicht. Es benennt keine dunkle Tiefe, sondern ein Muster aus Trotz, Improvisation, Respektlosigkeit, Widerstand gegen Einbindung und demonstrativer Unlenkbarkeit.
Gerade bei Trump liegt die Stärke eines solchen Bildes darin, dass es die Sache herabzieht auf eine soziale und verhaltensbezogene Ebene. Nicht Dämonie, sondern Grenztest. Nicht romantische Schwärze, sondern fehlende Steuerbarkeit. Nicht metaphysische Widersprüchlichkeit, sondern der öffentliche Gebrauch der eigenen Unberechenbarkeit. Das ist prosaischer, aber oft treffender.
Man versucht mit solchen Bildern natürlich immer dasselbe: Man will eine Figur in den Griff bekommen, die sich dem In-den-Griff-Bekommen entzieht. Und genau darin liegt das Problem. Solche Akteure leben gerade davon, dass sie sich jeder sauberen Beschreibung wieder entziehen. Sie wirken nicht trotz ihrer Widersprüche, sondern durch sie. Wer sie ordnen will, kommt mit der Ordnung selbst in Schwierigkeiten.
Genie, Wahnsinn und die unerquicklichste Seite der Größe
Von dort ist es nicht weit zu jenem alten Spruch, dass Genie und Wahnsinn dicht beieinander lägen. Das ist als Formel grob und volkstümlich, aber ganz ohne Beobachtungswert ist es nicht. Viele historische Führungsfiguren waren offenkundig keine ausgewogenen Charaktere. Sie waren eigensinnig, übersteigert, obsessiv, narzisstisch, missionarisch, zuweilen größenwahnsinnig. Genau diese Abweichung von der Norm machte sie in bestimmten Situationen handlungsfähiger als ihre besonneneren Zeitgenossen.
Ein angepasster, kooperativer, maßvoller Charakter ist für Verwaltung, Verlässlichkeit und Alltag meist die bessere Besetzung. Für den Aufstieg an die Spitze jedoch ist ein solcher Charakter nicht immer im Vorteil. Dort belohnt das System häufig nicht die Ausgeglichenen, sondern die Übersteigerten. Wer nach oben will, braucht nicht selten mehr Ehrgeiz als Vernunft, mehr Selbstvertrauen als Selbstzweifel und mehr Rücksichtslosigkeit, als eine anständige Tischgesellschaft auf Dauer ertrüge.
Man nennt solche Figuren gern Alphatiere. Als Metapher ist das rasch verstanden. Als Erklärung ist es zu grob. In menschlichen Gesellschaften setzt sich nicht schlicht der stärkste Stier durch. Macht entsteht auch durch Herkunft, Institutionen, Netzwerke, Kapital, Sprache, Gelegenheit, Medienwirkung und Inszenierung. Gerade in der Politik reicht es nicht, dominant zu sein. Man muss Dominanz darstellen können. Die moderne Führungsfigur muss nicht nur handeln, sondern als Ausnahmegestalt erscheinen.
Damit wird die Sache unerquicklich klar: Gesellschaften wünschen sich oben Charakterstärke und bekommen nicht selten Charakterverformung. Und weil der Erfolg später alles verklärt, wird das Problem rückwirkend oft noch als Größe missverstanden.
Der methodische Haken an Typologien
Hier beginnt die eigentliche Schwierigkeit. Sobald man mit Typbegriffen arbeitet, gerät man leicht in einen Bereich, in dem vieles auf einmal irgendwie passt. Das erinnert, bei aller Distanz, entfernt an Astrologie. Dort sind die Beschreibungen oft so angelegt, dass sich viele Menschen darin wiederfinden können. Nicht weil sie alle gleich wären, sondern weil die Begriffe elastisch genug sind.
Beim byronischen Helden ist das nicht völlig beliebig, denn der Begriff hat eine literaturgeschichtliche Herkunft. Aber in seiner späteren Verwendung wird er erstaunlich dehnbar. Man kann darunter melancholische Einzelgänger fassen, zynische Genies, düstere Außenseiter, selbstzerstörerische Ausnahmefiguren, arrogante Charismatiker oder verletzliche Regelbrecher. Je weiter man die Merkmale fasst, desto mehr Personen lassen sich einsortieren.
Gerade deshalb taucht in solchen Aufzählungen dann plötzlich jemand wie Dr. House auf. Das ist keineswegs unverständlich. Er ist brillant, unsozial, zynisch, verletzlich, unabhängig, selbstzerstörerisch und unerquicklich genug, um in diesen Typenschrank einsortiert zu werden. Aber genau an dieser Stelle zeigt sich die begriffliche Schwäche. Zwischen einer Fernsehfigur wie Dr. House, einem romantischen Helden aus dem 19. Jahrhundert und einem realen Präsidenten der Vereinigten Staaten liegen Welten. Wer alle unter denselben Oberbegriff stellt, sagt oft mehr über die Dehnfähigkeit des Begriffs als über die Menschen selbst.
Solche Typologien sind deshalb als Denkwerkzeuge brauchbar, aber nur mit Vorsicht. Sie helfen, gewisse Muster zu erkennen: Außenseitertum, Regelbruch, Übersteigerung, Reiz des Unangepassten, Verbindung von Zumutung und Anziehung. Aber sie erklären keine konkrete Person vollständig. Sie liefern eine Schablone, keine Gestalt aus Fleisch und Blut.
Der Wanderer über dem Nebelmeer und die stille Gegenbesetzung
Von hier aus ist der Schritt zur Bildwelt der Romantik fast unvermeidlich. Beim Stichwort Nebel denkt man schnell an Caspar David Friedrichs Wanderer über dem Nebelmeer. Und tatsächlich passt dieses Bild auf den ersten Blick hervorragend als Symbolfigur eines byronischen Typus: einsam, erhöht, von hinten gezeigt, vor einer Landschaft, die nicht lesbar, sondern nur ahnbar ist.
Das Bild bündelt mehrere Motive zugleich: Distanz, Selbstbeobachtung, Erhabenheit, Ungewissheit, stille Größe und die Inszenierung des Einzelnen vor einer offenen Welt. Gerade deshalb eignet es sich so gut als Avatar. Es zieht den byronischen Begriff zurück in die kontemplative Zone, in der nicht gebrüllt, sondern geschaut wird. Nicht der Lärm des Podiums, sondern die Rückenfigur vor dem Unklaren.
Freilich liegt auch darin eine alte Falle. Das Bild ist so wirkungsmächtig, weil es offen ist. Es lässt sich auf vieles projizieren. Darin besteht seine Stärke und zugleich seine Unschärfe. Es ist nicht eindeutig, sondern kulturell überreich. Man kann darin Selbstüberhöhung sehen oder Demut, Weltflucht oder Weltbeobachtung, romantische Pose oder metaphysische Einsamkeit.
Und doch hat es gegenüber der politischen Aufladung des byronischen Begriffs einen Vorteil. Es steht nicht für den lärmenden Helden, sondern für den stillen Einzelnen. Es gibt dem Begriff eine andere Färbung zurück. Eine kühlere. Eine weniger schmutzige.
Eine Rückenfigur im Abgang
Vielleicht liegt gerade darin die Pointe des ganzen Gedankengangs. Wenn Trump tatsächlich als eine modern vulgarisierte Variante des byronischen Helden gelesen werden kann, dann wäre das passendste Gegenbild nicht das Podium, nicht die Faust, nicht die Frontalaufnahme, sondern die Rückenfigur im Verschwinden. Nicht noch eine letzte tobende Szene, sondern ein Abgang im Nebel.
Das Bild hat seinen Reiz, weil es die übliche Logik solcher Figuren umkehrt. Der Typus lebt davon, gesehen zu werden, frontal, groß, laut, unübersehbar. Ihn nur noch von hinten zu sehen, kleiner werdend, undeutlicher, ferner, das hätte fast etwas Symbolisches. Dann wäre die Figur nicht mehr Zentrum der Erregung, sondern eine Erscheinung im Rückzug.
Der Nebel würde dabei eine merkwürdig tröstliche Arbeit leisten. Er verschluckt nicht nur Konturen, sondern auch Überhitzung. Am Ende bliebe vielleicht nur noch die nüchterne Einsicht, dass moderne Mediengesellschaften über Jahre hinweg von einzelnen Charakteren in Atem gehalten werden können, die man mit institutionellen Begriffen nur unzureichend versteht. Und dass man zu ihrer Beschreibung dann notgedrungen bei Literatur, Psychologie, Tiermetaphern, Fernsehserien und romantischer Malerei landet.
Das ist einerseits unerquicklich. Andererseits sagt es etwas sehr Genaues über die Gegenwart. Vielleicht nicht über Trump allein, wohl aber über die Verlegenheit der Begriffe, mit denen man ihn fassen will.
Impuls und Quellen
American Politics as Neo-Romanticism: Is Trump a Byronic Hero
Cristina Nehring
Essay / Webbeitrag
Datum nicht gesichert
cristinaforever.com/american-politics-as-neo-romanticism-is-trump-a-byronic-hero
Byronic Hero
Wikipedia
Lexikonartikel
Abrufdatum nicht angegeben
de.wikipedia.org/wiki/Byronic_Hero
Der Wanderer über dem Nebelmeer
Wikipedia
Lexikonartikel
Abrufdatum nicht angegeben
de.wikipedia.org/wiki/Der_Wanderer_über_dem_Nebelmeer
Hinweis zur Entstehung des Beitrags
Dieser Beitrag gibt einen Gedankengang wieder, der in einem wesentlich umfangreicheren Arbeitsprozess entstanden ist. Dem hier veröffentlichten Text liegt ein deutlich längerer Diskurs zugrunde, in dem einzelne Beobachtungen, Beispiele und Argumente ausführlicher entwickelt wurden. Für die Veröffentlichung im Weblog musste dieser Verlauf notwendigerweise stark verdichtet und auf zentrale Linien reduziert werden. Der vorliegende Beitrag ist daher nicht als vollständige Dokumentation dieses Denkprozesses zu verstehen, sondern als eine bewusst gekürzte und lesbare Fassung, die den Kern der Überlegungen wiedergibt, ohne alle Zwischenschritte, Abschweifungen und Detaildiskussionen des ursprünglichen Verlaufs vollständig abzubilden.

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