Die nächste Phase der Genese war geprägt von dem Versuch, eine abstrakte Entscheidung in eine konkrete Handlung zu überführen. Wenn Sichtbarkeit rechtlich notwendig ist, dann wenigstens kontrolliert. Damit rückte ein Impressumsdienst ins Zentrum der Überlegungen, der eine ladungsfähige Adresse bereitstellt und damit die private Wohnanschrift aus der unmittelbaren Öffentlichkeit heraushält.
Auf dem Papier wirkte das Angebot übersichtlich. Monatliche Kosten in moderatem Rahmen, Postannahme, Weiterleitung, eine formale Trennung zwischen Person und Projekt. In der Praxis begann jedoch sofort die bekannte Reibung. Registrierungsprozesse, Pflichtfelder, Projektbeschreibungen, Identitätsprüfungen über Drittanbieter, Smartphone-Zwang, Apps, Verifikationscodes. Was als Entlastung gedacht war, entfaltete eine eigene Komplexität.
Besonders irritierend war dabei weniger der Aufwand selbst als seine Logik. Um ein Projekt abzusichern, das noch gar nicht öffentlich existiert, musste bereits eine Projekt-URL angegeben werden. Um anonymisiert aufzutreten, musste eine Identifikation mit Ausweisdokumenten erfolgen. Um Ruhe zu gewinnen, musste man sich durch eine Abfolge technischer und formaler Hürden arbeiten, die ihrerseits Aufmerksamkeit und Geduld forderten. Die Katze begann, sich in den Schwanz zu beißen.
Hinzu kam die juristische Feinmechanik. Zustellung gilt mit Eingang bei der ladungsfähigen Adresse, nicht mit Kenntnisnahme. Weiterleitung kann verzögern, Haftung wird ausgeschlossen. Fristen laufen, auch wenn Benachrichtigungen verspätet eintreffen. Das Risiko verschwindet nicht, es wird nur anders verteilt. Spätestens hier zeigte sich, dass kein Dienst der Welt die eigene Verantwortung ersetzt. Organisation bleibt Privatsache.
Ein besonders ernüchternder Moment ergab sich aus der Einsicht, dass selbst mit Impressumsdienst der bürgerliche Name genannt werden muss. Das Versprechen von Distanz schrumpfte auf ein Minimum zusammen. Der Schutz war real, aber begrenzt. Die Konstruktion wirkte weniger wie ein Schild, mehr wie ein Sichtschutz aus Milchglas: ausreichend für den Alltag, ungeeignet gegen gezielte Aufmerksamkeit.
Diese Erfahrung führte nicht zu Abbruch, sondern zu einer Korrektur der Erwartungen. Nicht Sicherheit um jeden Preis, sondern Angemessenheit. Nicht maximale Abschirmung, sondern Reduktion unnötiger Offenlegung. Der Dienst wurde damit nicht zur Lösung, sondern zu einem Baustein unter mehreren. Wichtig war nicht, was er versprach, sondern was er realistisch leisten konnte.
Parallel dazu wuchs eine grundsätzliche Skepsis gegenüber digitalen Dienstleistungsökosystemen. Apps, Marktplätze, Onboarding-Assistenten, Sicherheitswarnungen, alles sprach von Schutz und Vereinfachung, erzeugte aber vor allem Abhängigkeiten. Die Grenze zwischen notwendiger Formalität und übergriffiger Prozesslogik wurde spürbar. Vertrauen wurde nicht hergestellt, sondern eingefordert.
Am Ende dieser Phase stand keine Euphorie, sondern eine nüchterne Entscheidung. Der Dienst wird genutzt, aber nicht idealisiert. Die Risiken werden akzeptiert, nicht verdrängt. Und vor allem: Die Infrastruktur darf nicht wichtiger werden als der Inhalt. Das Impressum ist Voraussetzung, nicht Zweck. Wer anfängt, sich primär um Absicherung zu drehen, hat das Schreiben bereits verloren.
Mit dieser Klarheit war der Weg frei für den nächsten Schritt. Weg von rechtlichen Rahmenbedingungen, hin zur Frage, wie sich das Projekt selbst benennen und verorten lässt. Nicht technisch, sondern sprachlich.
Weiterlesen: Genese III – Titel, Zweifel und Selbstverortung
Hinweis des Autors
Kommentare sind hier möglich, aber nicht als Debattenarena gedacht. Erwünscht sind sachliche, begründete Anmerkungen, Ergänzungen oder abweichende Beobachtungen, sofern sie respektvoll formuliert sind.
Nicht beabsichtigt sind Schlagabtausch, Empörung, Parteipositionen oder persönliche Zuschreibungen. Dieses Weblog versteht sich als Denkraum, nicht als Meinungsplatz.
Wer kommentiert, möge sich daran orientieren.