Die bequeme Illusion der Verantwortung

Der Ausgangspunkt war eine scheinbar einfache, beinahe naive Frage: Warum tun Menschen Dinge, von denen sie wissen, dass sie sie nicht tun sollten? Warum setzen sie Kinder in eine Welt, die erkennbar feindlich ist? Warum werden sie Teil von Apparaten, die Gewalt, Unrecht oder systematische Grausamkeit hervorbringen, obwohl ihnen das moralische Problem durchaus bewusst sein kann?

Was zunächst wie eine anthropologische Frage nach dem „Wesen des Menschen“ klingt, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als eine Frage nach Rollen, Kontexten und Macht.

Sehr schnell zeigte sich, dass der Verweis auf „besseres Wissen“ in die Irre führt. Wissen ist kein zuverlässiger Steuerungsmechanismus. Menschen handeln nicht dauerhaft unter dem Primat abstrakter Normen, sondern innerhalb konkreter Situationen. Hunger, Angst, Gruppenzugehörigkeit, institutionelle Erwartungen und kurzfristige Vorteile wiegen schwerer als ferne moralische Einsichten. Täter entstehen selten aus bewusster Bosheit, sondern aus Gewöhnung, Rollenlogik und Verantwortungsdiffusion. Das Abgründige wird normal, wenn es sozial eingebettet ist.

Von dort führte der Gedankengang zwangsläufig ins Strafrecht. Wenn Menschen wissen, dass etwas verboten ist, und dennoch handeln – was taugt dann die Idee der Generalprävention? Die nüchterne Antwort ist unerquicklich: wenig. Abschreckung funktioniert allenfalls dort, wo Entdeckungswahrscheinlichkeit hoch, Sanktion zeitnah und das Handeln kühl kalkuliert ist. In affektiven, sozialen oder existenziellen Situationen bricht dieser Mechanismus zusammen. Forderungen nach härteren Strafen sind daher meist symbolischer Natur. Sie beruhigen das Gefühl von Kontrollverlust, ohne Verhalten nennenswert zu verändern.

Ein scheinbares Gegenbeispiel schien zunächst Hoffnung zu machen: das nächtliche Anhalten an einer roten Ampel auf menschenleerer Straße. Hier hält derselbe Mensch an, obwohl keine unmittelbare Gefahr sichtbar ist. Doch auch dieses Verhalten erklärt sich nicht aus Moral oder Angst vor Strafe, sondern aus Entlastung. Die Regel nimmt die Entscheidung ab. Sie erspart Analyse, Risikoabwägung und Verantwortung für das Unüberschaubare. Das rote Licht ist kein moralischer Imperativ, sondern ein Koordinationssignal.

Der nächste Schritt brachte das Paradox auf den Punkt: Derselbe Mensch, der nachts als Autofahrer brav an Rot hält, überquert tagsüber als Fußgänger bei dichtem Verkehr die Straße bei Rot – beschleunigt sogar seine Schritte, um „schnell durch“ zu sein. Kein Widerspruch, sondern ein Rollenwechsel. Als Fußgänger glaubt man, das Risiko selbst zu kontrollieren. Der eigene Körper wird zum Steuerinstrument. Risiken, die man zu beherrschen glaubt, werden unterschätzt; Risiken, die fremdgesteuert erscheinen, gemieden. Der Mensch ist kein widersprüchliches Wesen, sondern ein rollenabhängiger Entscheider.

Von hier aus war der Schritt zur Machtfrage fast zwingend. Wenn Verhalten so stabil rollenabhängig ist und Appelle wie Strafandrohungen wenig bewirken, wie geht man dann mit jenen um, deren Rolle systematisch Unrecht ermöglicht? Etwa mit den Führungen großer Konzerne und Plattformen, die durch technische und organisatorische Entscheidungen Missbrauch nicht nur zulassen, sondern einkalkulieren. Nicht als Unfall, sondern als Wachstumsstrategie.

Hier verschiebt sich der Fokus endgültig vom Individuum zur Struktur. Mächtige Akteure handeln nicht wider besseres Wissen, sondern anreizkonform. Verantwortung wird fragmentiert, ausgelagert, juristisch gepuffert. Ermöglichung ersetzt Täterschaft – psychologisch wie rechtlich. Moralische Appelle laufen ins Leere, solange sich Wegsehen lohnt.

Ein externer Text bestätigte dieses Muster: die Kolumne „Digitaler Missbrauch als Geschäftsmodell der Tech-Elite“. Sie beschreibt nicht individuelles Fehlverhalten, sondern eine systematische Kalkulation: Aufmerksamkeit schlägt Verantwortung, Wachstum schlägt Ethik, Profit schlägt Schutz. Besonders perfide wird dies dort, wo Kinder oder andere besonders Schutzbedürftige betroffen sind. Der Verweis auf „die Nutzer“ dient dabei vor allem der Entlastung der eigentlichen Entscheider.

An dieser Stelle weitete sich der Blick. Dasselbe Muster findet sich im Umweltschutz, im Klimadiskurs, im Sozialstaat. Mülltrennung, bewusster Konsum, gesunde Ernährung – all das wird dem Individuum aufgebürdet, während die strukturell wirksamen Hebel bei Großakteuren liegen. Tafeln, Ehrenamt, freiwillige Feuerwehren lindern reale Not, normalisieren aber zugleich staatliches Unterlassen. Verantwortung wird nach unten delegiert, Macht bleibt oben ungebunden.

Das ist kein Zufall, sondern ein funktionales Arrangement moderner Gesellschaften. Der Appell an individuelles Verhalten ist die zivilisierte Form der Verantwortungsverschiebung. Er klingt plausibel, erzeugt Aktivität und beruhigt das Gewissen – während sich an den Machtverhältnissen wenig ändert. Das „Wir“ wird zur Nebelwand: Je größer es gefasst ist, desto unschärfer wird Zuständigkeit.

Bleibt die Frage nach der Perspektive. Gibt es einen Weg in eine bessere Zukunft? Die ernüchternde Antwort lautet: nicht in Form eines einfachen Modells, schon gar nicht als Rückkehr zum Sozialstaat der Wirtschaftswunderjahre. Dieser war ein historisches Sonderarrangement aus nationaler Industrie, Wachstum, günstiger Demografie und begrenzter Kapitalmobilität. Diese Bedingungen sind verschwunden.

Die tragfähige Perspektive liegt nicht in der moralischen Besserung des Menschen, sondern in der Neujustierung von Rollen und Haftung. Weniger Appelle, mehr Bindung von Macht. Weniger Delegation nach unten, mehr Verantwortung nach oben. Systeme müssen so gestaltet sein, dass schädliches Verhalten unattraktiv oder unmöglich wird – unabhängig vom guten Willen Einzelner.

Das klingt wenig tröstlich. Aber vielleicht liegt genau darin der realistische Kern von Fortschritt heute: nicht in der Hoffnung, dass „wir“ alles richten, sondern im Verzicht auf diese Illusion. Erst wenn wir aufhören, die Schwächsten zu Verantwortlichen zu erklären, können Institutionen wieder das werden, was sie sein sollten: Werkzeuge zur Begrenzung von Macht – nicht zur Entlastung der Mächtigen.


Nachtrag: Zur Frage des Adressaten – und zur bewussten Abgrenzung

An dieser Stelle drängt sich eine notwendige Präzisierung auf. Wenn im vorangehenden Text von Illusionen, von Machtbindung und von der Notwendigkeit struktureller Veränderungen die Rede ist, dann stellt sich unausweichlich die Frage: Wer ist damit eigentlich gemeint? Wer soll verzichten, wer handeln, wer gestalten? Und ebenso wichtig: Wer ausdrücklich nicht.

Zunächst zur ersten Klarstellung:
Es gibt kein handlungsfähiges kollektives Subjekt, das sich angesprochen fühlen und anschließend tätig werden könnte. Kein homogenes „Wir“, das Einsicht gewinnt, um daraufhin rational und koordiniert zu handeln. Jede Rede von einem solchen „Wir“ ist bereits Teil jener Vereinfachung, die zuvor kritisiert wurde. Sie verschleiert Machtasymmetrien, nivelliert Zuständigkeiten und verschiebt Verantwortung dorthin, wo keine wirksame Gestaltungsmacht liegt.

Ebenso notwendig ist jedoch eine zweite, ebenso scharfe Abgrenzung:
Dieser Text richtet sich ausdrücklich nicht an jene, die in Anarchismus, Extremismus, Rechtspopulismus, revolutionären Fantasien oder technokratischen Heilsversprechen den Ausweg suchen. Nicht an diejenigen, die glauben, durch Systemsturz, Eskalation, Gewalt oder die Beschleunigung des Zusammenbruchs ließe sich eine bessere Ordnung erzwingen. Auch nicht an jene, die hoffen, eine äußere Macht – sei es ein technologischer Durchbruch, ein charismatischer Führer oder ein radikaler Bruch – werde ihnen die Verantwortung abnehmen.

Diese Angebote unterscheiden sich in ihrer Rhetorik, nicht aber in ihrer Struktur. Sie versprechen Handlungsfähigkeit ohne Machtanalyse, Erlösung ohne Konfliktarbeit, Lösungen ohne institutionelle Bindung. Sie ersetzen Komplexität durch Affekt und Verantwortung durch Projektion. Gerade darin reproduzieren sie exakt jene Muster, die hier kritisiert werden.

Der vorliegende Text verfolgt keinen aktivistischen, keinen revolutionären und keinen mobilisierenden Zweck. Er will nicht „zum Handeln aufrufen“, jedenfalls nicht im üblichen Sinn. Sein Adressat ist kein Akteur, sondern eine Haltung: die Haltung desjenigen, der bereit ist, falsche Erwartungen aufzugeben, ohne sie durch neue Heilsversprechen zu ersetzen.

Es geht nicht darum, bessere Menschen zu formen, und ebenso wenig darum, den großen Umbruch herbeizusehnen. Es geht darum, die Mechanismen der Verantwortungsverschiebung, der Delegation nach unten und der Entlastung nach oben sichtbar zu machen – und sie nicht länger zu akzeptieren, weder moralisch noch rhetorisch.

Wenn dieser Text etwas bewirken soll, dann nicht Veränderung durch Tat, sondern Veränderung durch Entzauberung. Nicht Hoffnung, sondern Klarheit. Nicht Aktion, sondern Grenzziehung.

Wer hier einfache Antworten sucht, ist falsch.
Wer Erlösung erwartet, ebenfalls.
Und wer meint, Geschichte lasse sich abkürzen, verkennt ihre Struktur.

Dieser Nachtrag ist daher kein Aufruf.
Er ist eine bewusste Einschränkung des Adressatenkreises –
und vielleicht gerade deshalb der ehrlichste Teil des Ganzen.

1 Gedanke zu „Die bequeme Illusion der Verantwortung“

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