Informationshygiene im Alltag – oder: Warum die Ministermappe nicht von allein entsteht

Der Ausgangspunkt war ein Wort, das sperrig klingt und dennoch erstaunlich präzise trifft: Informationshygiene. Gemeint war ausdrücklich keine feuilletonistische Medienkritik, sondern eine praktische Frage des Alltags. Wie geht man mit der täglichen Flut aus Meldungen, Einschätzungen, Push-Nachrichten und Eilmeldungen um, ohne entweder abzustumpfen oder sich permanent im Reizüberfluss zu verlieren? Welche Quellen sind seriös, welche Routinen tragfähig, welche Werkzeuge erträglich? Und unter welchen realistischen Bedingungen – möglichst kostenlos, ohne Bezahlschranken, ohne den Anspruch, gleich ein Medienabonnement-Portfolio zu managen.

Sehr schnell zeigte sich der klassische Zielkonflikt: Qualität und Zugänglichkeit stehen selten auf derselben Seite. Wer seriöse Informationen will, zahlt entweder mit Geld oder mit Zeit. Oder mit beidem. Die naheliegende Abkürzung – ein technischer Aggregator, der das alles erledigt – lag auf der Hand. Und so rückte ChatGPT selbst in den Fokus: als möglicher Agent, als täglicher Kurator, als digitale Vorzimmerkraft für die persönliche Nachrichtenlage.

Die Erfahrung damit fiel ernüchternd aus. Unregelmäßige Aktualisierung, Wiederholungen alter Inhalte, fehlende Tagesnähe. Was als intelligente Verdichtung gedacht war, wirkte eher wie ein halbherziger Versuchsbetrieb. Der Eindruck verfestigte sich: technische Features als Experimente, nicht als verlässliche Werkzeuge. Daraus entstand ein präziseres Wunschbild. Nicht „News“, nicht „Updates“, sondern eine Ministermappe. Eine nüchterne, sachlich kuratierte Tageslage, zusammengestellt aus vertrauenswürdigen Quellen, ohne Alarmismus, ohne Redundanz, ohne Dauerrauschen.

Von dort führte der Weg zwangsläufig zu klassischen RSS-Lösungen. FreshRSS, Thunderbird, diverse Reader, Browser-Add-ons. Was folgte, war weniger eine systematische Evaluation als eine reale Arbeitsphase mit all ihren Reibungen: englische Oberflächen, Installationshürden, Hosting-Fragen, überladene Clients, Datenschutzbedenken bei dubiosen App-Anbietern, UI-Entscheidungen, die mehr verbergen als erleichtern. Die Theorie der „einfachen Lösung“ zerfiel an Details wie fehlenden Icons, unauffindbaren Schaltflächen und Add-ons, die installiert sind, aber nicht sichtbar werden.

Diese Phase war geprägt von Frustration, gelegentlicher Selbstabwertung und dem Gefühl, zu viel Lebenszeit an Nebensächlichkeiten zu verlieren. Gleichzeitig zeigte sich etwas anderes: Ärger als Aktivator. Technische Reibung führte nicht zum Abbruch, sondern zu radikalem Aufräumen. Deinstallation, Neubeginn, Wechsel auf den Hauptrechner, erneuter Versuch. Und schließlich: Erfolg. Das Werkzeug lief. Feedbro war installiert, funktionierte, ließ sich konfigurieren.

Mit der Funktionalität kam sofort die nächste Stufe der Frage: Inhalte. Welche Feeds? Welche Quellen? Wie vermeidet man tote Links, veraltete Empfehlungen, 404-Seiten? Die Suche verschob sich von einzelnen URLs zu verlässlichen Ausgangspunkten – offiziellen Übersichtsseiten, redaktionell gepflegten RSS-Verzeichnissen, bekannten Investigativplattformen, etablierten Redaktionen. Reputation wurde zum zentralen Kriterium, nicht Vollständigkeit.

Kaum war das gelöst, trat das eigentliche Kernproblem offen zutage: Redundanz. Wer mehrere seriöse Quellen liest, bekommt nicht mehr Information, sondern dieselbe Information mehrfach. Unterschiedlich formuliert, aber inhaltlich identisch. Die „Epstein-Akten“ waren nur ein Anlass, kein Sonderfall. Das strukturelle Problem ist allgemeiner: Themen häufen sich, Meldungen klonen sich, der Erkenntnisgewinn sinkt mit jeder weiteren Quelle. Was fehlt, ist nicht Zugang, sondern Verdichtung.

Hier stößt der klassische RSS-Reader an seine Grenze. Filter nach Stichworten helfen nur kurzfristig. Gesucht wäre eine thematische Deduplikation, eine Art Gedächtnis über den Tag hinweg: ein Thema, eine Meldung, ein Überblick. Genau dort liegt eigentlich die Stärke von Sprachmodellen. Nicht als Quelle, sondern als zweite Stufe der Verarbeitung. Clustern, zusammenfassen, einordnen. Die Pipeline-Idee entstand fast zwangsläufig: erst sammeln, dann verdichten.

Gleichzeitig zeigte der Verlauf eine andere, weniger technische Dimension. Kommunikation selbst wurde zum Thema. Floskeln, ritualisierte Entschuldigungen, überfürsorgliche Abschlussformeln – all das wurde nicht als höflich, sondern als störend empfunden. Entschuldigung setzt Schuld voraus. Wo keine Schuld ist, genügt Verständnis. Auch Zeitlogiken sind nicht universell. „Gestern“ und „heute“ hängen nicht am Kalenderdatum, sondern am individuellen Rhythmus. Diese Korrekturen waren keine Nebensache, sondern Teil derselben Hygiene-Frage: Klarheit statt Marketing, Präzision statt Watte, Erwachsensein ohne pädagogischen Ton.

Am Ende blieb kein perfektes System, keine endgültige Lösung. Aber etwas Robustes. Eine funktionierende Feed-Liste, bereinigt von Dubletten. Klare Einstellungen für Speicherbegrenzung statt illusionärer Zeitlogik. Und die Einsicht, dass man nicht alles lösen muss, um handlungsfähig zu sein. Manches erledigt sich durch Weiterentwicklung, Konkurrenz, Zeit. Anderes durch einen einfachen Schritt zurück ins Analoge.

Informationshygiene heißt am Ende nicht, alles zu wissen. Sondern zu wissen, wann genug ist. Und wann man den Bildschirm schließt.

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